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09:24 Uhr / Freitag, 09. Januar 2026 / HF

Kann Deutschland die Wirtschaftskrise bis 2026 überwinden?

Nach Jahren des wirtschaftlichen Niedergangs benötigt die deutsche Wirtschaft im Jahr 2026 dringend einen neuen Impuls. Trotz großer Versprechen staatlicher Ausgaben schwindet jedoch der Optimismus unter den Ökonomen.

Einigen Prognosen zufolge wird das Wirtschaftswachstum in Deutschland im Jahr 2026 langsamer und schwächer ausfallen als bisher erwartet. Die ehemalige europäische Wirtschaftsmacht befindet sich seit zwei Jahren in einer Rezession. Die Wirtschaft ist seit Ende 2022 rückläufig, und für 2025 wird lediglich ein moderates Wachstum von rund 0.1 Prozent erwartet.

Obwohl viele Ökonomen davon ausgehen, dass 2026 ein stärkeres Wachstum bringen wird, schwinden die Hoffnungen auf eine schnelle Erholung aufgrund von Zweifeln an der von Bundeskanzler Friedrich Merz geplanten Investitionswelle in Berlin.

Am Vorabend von Weihnachten senkte die Deutsche Bundesbank ihre Wachstumsprognose für 2026 von 0.7 Prozent im Juni auf 0.6 Prozent. Gleichzeitig hob die Zentralbank ihre Prognose für 2027 auf 1.3 Prozent an und rechnet damit ab dem zweiten Quartal 2026 mit einer Beschleunigung der Wirtschaftstätigkeit.

Die verhaltene Wachstumsprognose der Bundesbank deckt sich mit anderen Analysen. Das Ifo Institut senkte kürzlich seine Wachstumsprognose für 2026 auf 0.8 Prozent.

„Die deutsche Wirtschaft passt sich nur langsam und mit hohem Kostenaufwand den Strukturveränderungen durch Innovationen und neue Geschäftsmodelle an“, sagte Timo Wollmershauser, Leiter der Prognoseabteilung am Ifo Institut. Die deutsche Wirtschaft wurde in den letzten Jahren von mehreren Fronten getroffen. Russlands Invasion in der Ukraine verdeutlichte die übermäßige Abhängigkeit von russischem Gas, während der Umstieg auf andere Energiequellen kostspielig und aufwendig war.

Gleichzeitig wurde Deutschlands exportorientiertes Modell durch US-Zölle und die veränderten geopolitischen Beziehungen zu China, das jahrelang ein wichtiger deutscher Markt war, geschwächt. Peking konkurriert nun nicht nur mit Deutschland, sondern übertrifft es in einigen Sektoren sogar – insbesondere in der Automobilindustrie, wo China einst ein bedeutender Markt für deutsche Hersteller war.

Dies fügt sich in Deutschlands umfassenderen Kampf gegen die Deindustrialisierung und den Investitionsmangel ein. Verschärft durch starre Ausgaben- und Kreditvergaberegeln haben jahrzehntelange Investitionsausfälle zu einer Vielzahl von Problemen geführt – von einer maroden Infrastruktur bis hin zu einer schwachen Digitalisierung.

Das Versprechen großer Investitionen

Bundeskanzler Merz und die CDU kamen nach den Wahlen im Februar unter anderem mit dem Versprechen massiver Kreditaufnahmen und Investitionen an die Macht. Merz hat die Kreditaufnahmegesetze der Regierung geändert, um die Pläne für hohe Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur im kommenden Jahrzehnt voranzutreiben.

Doch sowohl in Deutschland als auch im Ausland bestehen weiterhin Zweifel an der Wirksamkeit dieser Ausgaben.

Im November gab der fünfköpfige Sachverständigenrat zur gesamtwirtschaftlichen Gesamtentwicklung – der die Bundesregierung unabhängig berät – eine düstere Einschätzung der Wirtschaftsaussichten ab und warnte vor den geplanten Ausgaben. Er mahnte, die Bundesregierung riskiere, Investitionen zu „verschwenden“, indem sie zu viel des neuen Geldes für Renten und Sozialausgaben verwende – eine Kritik, die bereits von der Bundesbank und zahlreichen Wirtschaftsinstituten geäußert wurde.

Sollte die Regierung ihren Kurs nicht ändern, „könnten Wachstumschancen verloren gehen und die langfristige Tragfähigkeit der deutschen Staatsverschuldung gefährdet werden“, heißt es in dem Bericht.

Viele Prognosen für 2026 hängen vom potenziellen Erfolg des Investitionsplans ab. Bundesbankpräsident Joachim Nagel erwartet ab dem zweiten Quartal 2026 ein beschleunigtes Wachstum, „vor allem aufgrund staatlicher Investitionen und einer erneuten Stärkung der Exporte“.

Er glaubt, dass mit dem Inkrafttreten der Konjunkturmaßnahmen in der zweiten Jahreshälfte 2026 „zusätzliche Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur die Nachfrage der Regierung deutlich erhöhen werden“.

Die Deutsche Bank äußert in ihrer Prognose Zweifel an der Geschwindigkeit des Investitionsprogramms und daran, ob es einen nachhaltigen Effekt auf das BIP-Wachstum haben wird.

„Die fiskalische Expansion dürfte zwar kurzfristig positive Auswirkungen haben, ihr Einfluss auf das Wachstumspotenzial könnte jedoch begrenzt sein“, heißt es in der Analyse. „Der Grund dafür ist, dass der Großteil der zusätzlichen Schulden für höhere Sozialausgaben und Subventionen verwendet wird.“

Nicht nur Deutschland setzt auf die geplanten Konjunkturmaßnahmen. Eine kürzlich von der britischen Zeitung Financial Times durchgeführte Umfrage unter 88 Ökonomen ergab, dass viele der Ansicht sind, dass Europas allgemeine Hoffnungen auf eine wirtschaftliche Erholung genau von dem deutschen Plan abhängen.

Aktuelle Unternehmensumfragen zeugen von wenig Optimismus, da viele Unternehmen die erste Jahreshälfte 2026 weiterhin pessimistisch betrachten. Es herrscht jedoch die Erwartung vor, dass sich die Lage allmählich verbessern wird: Rund 40 Prozent der 49 vom Institut für Wirtschaftsforschung (IW) Ende 2025 befragten Wirtschaftsverbände erwarten für 2026 höhere Umsätze und Produktionsmengen, während weitere 40 Prozent mit einer unveränderten Situation rechnen.

Mehr Arbeitstage als kleiner Anreiz

Ein potenzieller Wachstumstreiber im Jahr 2026, der in der Prognose der Bundesbank nicht berücksichtigt wurde, ist die Anzahl der Arbeitstage. Laut Statistischem Bundesamt werden Arbeitnehmer in Deutschland im Jahr 2026 durchschnittlich 250.5 Tage arbeiten – 2.4 Tage mehr als im Jahr 2025 und der höchste Wert seit 2022. Dieser Anstieg ist darauf zurückzuführen, dass mehrere Feiertage im Jahr 2026 auf Wochenenden fallen.

Laut ING könnte die steigende Anzahl an Arbeitstagen im Jahr 2026 zu einem BIP-Wachstum von rund 0.3 Prozent beitragen. ING warnt jedoch davor, dass dies kein Indikator für den langfristigen Trend sei. Das Deutsche Wirtschaftsinstitut, das die zusätzlichen Arbeitstage in seine Prognosen einbezieht, rechnet hingegen mit einem Wachstum von 0.9 Prozent im Jahr 2026.

Schuldenprobleme

Nach 2026 ist die deutsche Staatsverschuldung eines der wichtigsten ungelösten Probleme. Als der Sachverständigenrat zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im November vor den Staatsausgaben warnte, prognostizierte er, dass die Staatsverschuldung bis 2035 auf 85 Prozent des BIP steigen könnte, gegenüber 63 Prozent in diesem Jahr.

„Wenn Wachstumschancen verloren gehen, könnte die langfristige Tragfähigkeit der deutschen Staatsverschuldung gefährdet sein“, warnte er.

Die Neuverschuldung der Bundesregierung wird im Jahr 2026 voraussichtlich 180 Milliarden Euro übersteigen, was mehr als 4 Prozent des BIP entspricht. Die Regierung rechnet damit, dass das Haushaltsdefizit im Jahr 2026 4.75 Prozent des BIP erreichen wird.

Unter anderem warnt die Deutsche Bank davor, dass mit dem starken Anstieg der Pensions- und Zinskosten in den kommenden Jahren der Schuldenstand Deutschlands und seine langfristigen Kreditpläne zunehmend unter Druck geraten werden.

„Angesichts des zunehmend knappen Haushaltsspielraums könnten die Haushaltsverhandlungen 2027 zu einer weiteren Bewährungsprobe für den Zusammenhalt der Regierung werden“, heißt es in der Analyse. /DW