Werden die amerikanischen Institutionen standhalten? Politische Polarisierung und die Herausforderung für die Weltordnung
Assoc. Prof. Dr. Marenglen Kasmi
Die internationale Ordnung nach dem Zweiten Weltkrieg war nie frei von Machtpolitik, sondern basierte auf einem stillschweigenden Übereinkunft. Gemäß dieser Übereinkunft verfolgen die Großmächte ihre Interessen innerhalb bestimmter normativer Grenzen.
Souveränität, territoriale Integrität, Zurückhaltung beim Einsatz militärischer Gewalt und die Einbeziehung von Verbündeten und internationalen Institutionen in die Entscheidungsfindung werden nicht nur als moralische Verpflichtungen, sondern vor allem als wichtige Bedingungen für die Aufrechterhaltung der internationalen Stabilität verstanden.
Es ist keine Neuigkeit, dass die seit über 80 Jahren bestehende Weltordnung unter Druck gerät. Besonders problematisch ist jedoch, dass die Hauptsignale für den Niedergang dieser Ordnung nicht von den Randbereichen des Systems kommen, sondern von dessen Schöpfer selbst, dem US-Präsidenten.
Die Entwicklungen der letzten Tage – von der Militäroperation in Venezuela über die Drohungen gegen diverse andere Länder bis hin zur Wiederaufnahme der Debatte um die Annexion Grönlands durch die USA – lassen sich kaum als Einzelfälle abtun. Sie deuten vielmehr auf einen Wandel in der Logik der Machtausübung hin, in dem der Einsatz von Gewalt schrittweise von den „Fesseln“ 80 Jahre alter Regeln und Normen zur Wahrung des Weltfriedens befreit wird.
Die Entführung von Nicolás Maduro durch US-Spezialkräfte auf venezolanischem Territorium bedarf einer eingehenderen Analyse. Nach US-amerikanischem Recht ist es möglich, dass das Strafverfahren gegen ihn unabhängig von seinem Verhalten vor einem US-Gericht fortgesetzt wird. Bisherige Praktiken zeigen, dass das US-Rechtssystem die Rechtmäßigkeit der Strafverfolgung nicht zwangsläufig an die Beurteilung der internationalen Rechtmäßigkeit der Festnahme knüpft.
Diese rechtliche Dimension berührt jedoch nicht den Kern des Problems. Die grundlegende Frage lautet: Welche Konsequenzen hat es für die internationale Ordnung, wenn eine Supermacht einseitig militärische Gewalt einsetzt, um einen politischen Konflikt zu lösen, multilaterale Mechanismen umgeht und über kein klares internationales Mandat verfügt? In diesem Sinne geht es weniger um Maduros persönliches Schicksal, sondern vielmehr um die Botschaft, die ein solches Vorgehen hinsichtlich des heutigen Verständnisses von Gewaltanwendung aussendet.
Präzedenzfälle in der internationalen Politik folgen einer unerbittlichen Logik. Sie sind nicht auf den Fall, der sie hervorgebracht hat, oder den Akteur, der sie geschaffen hat, beschränkt. Eine Handlung, die heute als gerechtfertigte Ausnahme erscheint, kann morgen schon als Präzedenzfall für andere dienen. Genau deshalb gewinnt der Präzedenzfall an Bedeutung gegenüber dem konkreten Fall, da er die Regeln und Prinzipien, die den Einsatz von Gewalt begrenzen sollen, schwächt und die Politik der vollendeten Tatsachen immer akzeptabler macht, schreibt die Gazeta DITA.
Eine ähnliche Logik zeigt sich im Fall Grönlands. Hier geht es nicht um einen gegnerischen Staat, sondern um das Territorium eines NATO-Verbündeten. Allein die Vorstellung, dass ein Verbündeter vom amerikanischen Präsidenten – also von demjenigen, der eigentlich für seine Sicherheit sorgen soll – territorial unter Druck gesetzt werden kann, untergräbt die Grundfesten des euro-atlantischen Bündnisses. Bündnisse basieren auf gegenseitigem Vertrauen und Respekt, nicht auf asymmetrischem Druck. Sobald Drohungen, selbst in rhetorischer Form, innerhalb der NATO-Verbündeten zu politischen Instrumenten werden, verliert die Architektur kollektiver Sicherheit ihre Kohärenz.
Allerdings muss gesagt werden, dass die Alarmglocken schon seit Monaten schrillen, seit Präsident Trump letztes Jahr die Nationale Sicherheitsstrategie (NSS) der USA verabschiedet hat. Anders als in vielen anderen Ländern gilt dieses wichtige strategische Dokument als Exekutivdokument und wird nicht vom Parlament, also vom Kongress, gebilligt.
Die US-Strategie für strategische Sicherheit 2025 (US SSC 2025) sieht einen deutlichen Wandel der USA von ihrer traditionellen Rolle als universeller Garant der internationalen Ordnung hin zu einem selektiven, transaktionsorientierten und auf nationale Interessen ausgerichteten Ansatz vor. Dieses Strategiepapier erkennt offen die Grenzen der US-amerikanischen Macht an, priorisiert die westliche Hemisphäre und den Wettbewerb mit China im Indopazifik und behandelt Europa nicht länger als strategisches Drehkreuz unter direkter Aufsicht – wie es historisch der Fall war –, sondern als zweitrangigen Partner, der mehr Verantwortung für seine Sicherheit übernehmen muss.
Gemäß diesem strategischen Konzept werden Bündnisse und die NATO nicht aufgegeben, doch die amerikanische Unterstützung wird an den Beitrag der Verbündeten geknüpft, während der Multilateralismus seinen normativen Charakter verliert und zu einem rein praktischen Instrument wird. Kurz gesagt: Diese Strategie zielt nicht mehr darauf ab, die liberale Weltordnung der Nachkriegszeit zu bewahren, sondern eine fragmentiertere, wettbewerbsintensivere und instabilere Welt zu gestalten, in der Stabilität nicht mehr durch Regeln, sondern durch das Machtgleichgewicht und die Zuverlässigkeit präventiver Maßnahmen gewährleistet wird.
Laut dem renommierten deutschen Politikwissenschaftler und Professor an der Universität zu Köln, Thomas Jäger, lassen sich diese Entwicklungen in der US-Außenpolitik nicht isoliert von der innenpolitischen Dynamik verstehen. Im Gegenteil, sie sind Ausdruck desselben Regierungsstils, wie etwa der Personalisierung von Macht, des permanenten Konflikts mit dem System und der systematischen Delegitimierung institutioneller Beschränkungen.
Berichte über Donald Trumps offene Angst vor einem dritten Amtsenthebungsverfahren und seinen direkten Druck auf republikanische Abgeordnete, die die Intervention in Venezuela kritisiert haben, verdeutlichen diese Logik. Laut Prof. Jäger betrachtet Präsident Trump die parlamentarische Kontrolle zudem nicht als normalen Bestandteil demokratischer Regierungsführung, sondern als existenzielle Bedrohung seiner persönlichen Macht.
Darüber hinaus sieht Präsident Trump den Verlust der Mehrheit im Kongress nicht als Bedrohung für die politische Agenda der Republikanischen Partei, sondern als Bedrohung für sein eigenes politisches Überleben.
Die Geschichte hat gezeigt, dass Demokratien selten durch spektakuläre Ereignisse zusammenbrechen. Vielmehr schwächen sie sich durch die allmähliche Aushöhlung der Regeln und Normen, die das Funktionieren der Institutionen gewährleisten. Wird institutionelle Kontrolle als feindselig wahrgenommen, werden verfassungsrechtliche Verfahren als politische Waffen eingesetzt, und wird der Einsatz von Gewalt – im In- wie im Ausland – zunehmend von der politischen Zweckmäßigkeit des Augenblicks bestimmt, verlieren Institutionen ihre stabilisierende Funktion, selbst wenn sie formal weiterhin bestehen.
Im obigen Text skizziert Prof. Jäger drei mögliche Szenarien für die Entwicklung der Situation innerhalb des politischen Systems der USA:
Im ersten Szenario leisten die amerikanischen Institutionen Widerstand. Kongress, Gerichte und Institutionen beschränken trotz ständigen Drucks weiterhin die Exekutivgewalt. Die Erfahrung zeigt, dass die Gerichte unter öffentlichen Druck geraten, wenn Entscheidungen nicht den Vorstellungen des Präsidenten entsprechen, der sie als „politisiert“, „ungerecht“ oder als Produkt einer feindseligen Elite bezeichnet. Im Hinblick auf den Kongress wird Druck durch die extreme Personalisierung politischer Loyalität ausgeübt. Kongressabgeordnete werden nicht als Vertreter einer unabhängigen Verfassungsgewalt behandelt, sondern als persönliche Verbündete oder Gegner. Wer die Linie des Präsidenten unterstützt, wird politisch belohnt, während diejenigen, die Kontrolle oder Rechenschaftspflicht anstreben, öffentlichem Druck, Wahldrohungen und parteiinterner Delegitimierung ausgesetzt sind. In diesem Sinne wird der verfassungsmäßige Kontrollmechanismus zu einem Test persönlicher Loyalität.
Ein zentrales Element in Prof. Jägers Analyse ist die Art und Weise, wie Präsident Trump den Begriff der institutionellen Kontrolle umdeutet. Amtsenthebungsverfahren, parlamentarische Untersuchungen oder Gerichtsentscheidungen werden nicht als normale Verfahren einer funktionierenden Demokratie dargestellt, sondern als „Angriffe“ auf den Willen des Volkes. Diese Rhetorik verlagert den Konflikt von der Verfahrens- auf die moralische Ebene. Jeder, der den Präsidenten kritisiert, wird nicht als legitimer politischer Gegner, sondern als Feind des Volkes oder der öffentlichen Ordnung dargestellt.
Infolgedessen, so argumentiert Prof. Jäger weiter, ist der angerichtete Schaden offensichtlich. Die politische Polarisierung vertieft sich, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Institutionen schwindet, und demokratische Prozesse werden zunehmend als Instrumente parteipolitischer Auseinandersetzungen wahrgenommen. Stabilität wird nicht durch Konsens, sondern durch einen Zustand permanenten Konflikts erreicht.
Das zweite Szenario beschreibt einen Zustand institutioneller Lähmung. Außenpolitische Entscheidungen können interne Krisen auslösen. Parteienkonflikte blockieren verfassungsmäßige Verfahren, und der Staat verliert die Fähigkeit zu kohärentem Handeln. Die Demokratie bleibt formal intakt, ist aber faktisch geschwächt. Für Verbündete bleiben die Vereinigten Staaten ein mächtiger, aber unberechenbarer Akteur, was zu einer Situation führt, die die internationale Ordnung ebenso stark gefährdet wie offene Regelverstöße.
Das dritte und problematischste Szenario ist die Normalisierung. Politisches Verhalten, das derzeit als abweichend gilt, wird normalisiert und zum Standard. Institutionen werden nicht reguliert, sondern angepasst. Kontrolle wird selektiv ausgeübt, da ihre politischen Kosten zu hoch werden. In der Außenpolitik entfernen sich die USA schrittweise von ihrer Rolle als Garant der regelbasierten Ordnung und handeln zunehmend nach den Interessen des Augenblicks. Die Demokratie bleibt zwar auf dem Papier bestehen, verliert aber ihren liberalen Gehalt.
Die Zeit wird zeigen, welches Szenario sich bewahrheitet. Medienberichten zufolge wird sich der Kongress in den kommenden Tagen voraussichtlich vor allem darauf konzentrieren, seine Kontrollfunktion gegenüber der Trump-Regierung wiederherzustellen. Die Demokraten werden detaillierte Berichte anfordern und über die Rechtsgrundlage der Operation in Venezuela sowie über die Befugnisse des Präsidenten zum Einsatz von Gewalt ohne vorherige Genehmigung debattieren. Es wird erwartet, dass Resolutionen eingebracht werden, die den Einsatz von Gewalt durch die Exekutive einschränken. Die Rhetorik über ein Amtsenthebungsverfahren wird zwar weiterhin präsent sein, aber nicht unmittelbar in konkrete Schritte münden.
Wie bereits erwähnt, dürften die kommenden Tage eher eine Testphase und eine Phase der politischen Positionierung darstellen als ein endgültiges Entscheidungsverfahren. Sie werden zeigen, ob der Kongress tatsächlich bereit ist, institutionelle Kontrolle auszuüben, oder ob der Konflikt weitgehend symbolisch bleibt.
Die Frage, die wir als Titel dieser Analyse gewählt haben – „Werden die amerikanischen Institutionen Bestand haben?“ –, lässt sich nicht einfach beantworten. Die ganze Welt verfolgt die politischen Entwicklungen in den USA mit Sorge, und viele Menschen – darunter auch der Verfasser dieser Zeilen – fragen sich, ob die amerikanischen Institutionen weiterhin die gegenwärtige Weltordnung gewährleisten können, die bis jetzt nie in Frage stand. Natürlich sind Institutionen nicht selbstverständlich. Sie müssen historisch gefestigt und strukturell stark sein. Ihre Beständigkeit hängt davon ab, ob die politischen Akteure bereit sind, die Begrenzung der Macht als Bedingung für Legitimität und nicht als persönliches Hindernis zu akzeptieren. Schwindet diese Bereitschaft, beginnen die Institutionen allmählich zu verfallen.
Der stille Konsum, nicht der spektakuläre und laute Zusammenbruch, stellt heute die größte Gefahr für die amerikanische Demokratie und folglich für die internationale Ordnung dar, die die USA selbst mit Blut, Geld, Schweiß und Opfern mit aufgebaut haben.

