Niemand will Deutschland verlassen, aber der Staat weist sie zwangsweise aus
Niemand verlässt Deutschland freiwillig. Mittlerweile ist bekannt, dass immer mehr von Abschiebung Betroffene mit Gewalt geschützt werden, der deutsche Staat aber auch hart reagiert und Kritik erntet.
In Deutschland gibt es regelmäßig Berichte über gescheiterte Abschiebungen von Ausländern. Flüchtlinge legen erfolgreich Widerspruch gegen die geplante Abschiebung in ihrem Heimatland oder in einem Drittstaat ein, aus dem sie nach Deutschland eingereist sind. Oder sie tauchen unter, bevor die Polizei sie abholen kann. Es gibt aber auch Fälle, in denen Abschiebungen aus Deutschland in letzter Minute an Gewalt im Flugzeug scheitern.
Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres weigerten sich Piloten deutscher und ausländischer Fluggesellschaften, an der Abschiebung von fast 335 Menschen mitzuwirken.
Diese Zahl geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag hervor, die der Deutschen Welle vorliegt. Darin sind auch die Flughäfen aufgeführt, an denen Abschiebungen am häufigsten scheiterten: Frankfurt am Main – 131 Personen; Düsseldorf – 11 Personen; München – 39 Personen. Hinter diesen Zahlen verbirgt sich ein Problem: die zunehmende Gewalt in Flugzeugen, sowohl von den Betroffenen als auch vom Staat.
Die Zahl der Personen, denen Handschellen angelegt wurden, hat sich verzehnfacht.
Die Linken-Politikerin Ulla Jelpke wollte mehr über dieses Problem erfahren und schickte der Bundesregierung einen Fragenkatalog – insgesamt 26. Eine Entwicklung ärgert sie besonders: Der Einsatz von „physischen Fesseln“ hat sich von 2015 bis 2018 verzehnfacht, von 135 Fällen auf 1231. Zu diesen Fesseln gehören Hand- und Fußfesseln, mit denen die Polizei versucht, gewalttätige Menschen unter Kontrolle zu halten.
Dieser Anstieg fällt nicht mit der Zunahme der Zahl der Abschiebungen zusammen, die in diesem Zeitraum nahezu unverändert geblieben ist. Mehr als 23.000 Menschen pro Jahr. Das Innenministerium erklärt den Anstieg der Verwendung von Handschellen mit der „zunehmenden Zahl von Personen, die sich im Rückführungsprozess an Widerstandsaktionen beteiligen“.
Eleonore Petermann, Sprecherin des Innenministeriums, erklärte gegenüber der Deutschen Welle, der Anstieg der Gewalt sei „leicht“ erklärbar. Die Zwangsräumungen würden nicht freiwillig durchgeführt, weshalb Betroffene ihren Unmut „unter Umständen auch durch körperliche Gewalt“ ausdrückten. Zwar würden bei der Zwangsräumung weiterhin Handschellen eingesetzt, aber „nur als letztes Mittel“, betont Sprecherin Petermann.
Die Linken-Abgeordnete Ulla Jelpke hat eine andere Erklärung für die Gewalt auf beiden Seiten: „Es ist für mich unerträglich, dass die Verzweiflung dieser Menschen ohne zu zögern mit Gewalt gebrochen wird, um sie gegen ihren Willen in die denkbar elendsten Situationen oder in Transitländer zu schicken.“
Pro Asyl kritisiert
Jelpke verweist auf die Kritik des Komitees gegen Gewalt des Europarats, das Deutschland im Mai aufgefordert hatte, die Anwendung von Gewalt „in unangemessener und unverhältnismäßiger Weise“ zu beenden. Auch die Organisation Pro Asyl beobachtet eine Verschärfung des staatlichen Gewalteinsatzes bei Abschiebungen. Rechtsreferent Bernd Mesovic sagt, Klagen wegen „exzessiver Gewaltanwendung“ hätten weniger etwas mit Abschiebungen an Flughäfen zu tun als mit Polizisten, die „Menschen zur Abschiebung festnehmen, abführen oder zum Flughafen schicken“.
Für „Pro Asyl“ gleicht dieses Thema einer „Black Box“. Denn außer den Betroffenen und vielleicht Familienangehörigen gibt es selten unabhängige Zeugen, sodass Rückschlüsse auf die Realität nur aus der steigenden Zahl der Beschwerden gezogen werden können. Hintergrund dieser Entwicklung könnten laut Mesovic politische Äußerungen sein, „immer mehr Abschiebungen durchzuführen“.

